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Gemeinde Reichertsheim
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miniaturen Gemeinde Reichertsheim » Geschichte » Die Entstehung der Landschaft

Vor fast 200 Jahren, man schreibt das Jahr 1796, erscheint in München ein „Reiseatlas von Baiern". Sein Verfasser ist Adrian von Riedl, damals Gene­raldirektor des „Plankonservatoriums" — einer zentralen Kartenstelle und Vorgängerin des heutigen Landesvermessungsamtes. Darin beschreibt er auch die „Chausee von München nach Haag und Braunau", der Vorgängerin unse­rer heutigen Bundesstraße 12, kurz B12 genannt. Seit jeher war diese Straße eine wichtige Verkehrsanbindung für das Gemeindegebiet von Reichertsheim. Ihre Bedeutung wuchs mit der Neugestaltung der politischen Grenzen. Führt sie doch in östliche Richtung in die Kreishauptstadt Mühldorf am Inn und in westliche Richtung zur Landeshauptstadt München, Sitz der Landes- und Be­zirksregierung. Auch zu Riedls Zeit gehörte sie zu den wichtigsten Verkehrs­wegen, denn er schreibt: „Diese Straße bestimmt den Gang von München, und aus dem Reiche nach Oesterreich, und wird auch gemeiniglich nur die obere Wiener = Route genannt". Wichtige Land- und Wasserwege dienten zu allen Zeiten nicht nur wirtschaftlichen Zwecken. Sie sorgten auch für den „Transport" kultureller Einflüsse. Schon zur Zeit des römischen Reiches hat­te sie eine Vorgängerin in der Römerstraße von Augusta Vindelicum (Augs­burg) nach Ovilava (Wels) und Lauriacum (Lorch), die vermutlich auch durch unser Gemeindegebiet führte. Anders als die Römerstraße, die bei Oberföhring die Isar überquert, verläßt die erwähnte Chausee München durch das Isartor und führt durch die „Hofmarkt Haidhausen" nach „Tagelfing", Riem, „Sallendorf", Parsdorf, Neufahrn, Anzing, „Schwabaweng", „Forstinding", durch den „Indinger Forst" nach „Hechenlinden". Über Pirkel, Straßmair und Wimmer erreicht sie den Markt Haag, von dem Riedl wie folgt berichtet: „Haag, ein Markt, liegt in Oberbaiern, und dem Bisthume Frey-sing. Dieser Ort mit seinem Gebiete macht eine Reichsgrafschaft aus, welche dem Hause Baiern zugehört. Ihre ersten Besitzer sind die Herren von Gurre gewesen, welche im rothen Felde ein weißes Pferd (nach alter Mundart Gurre) zu ihrem Wappen führten. Nachdem die Familie von Gurren 1224 ausgestor­ben war, so fiel dieselbe den Herren von Frauenberg zu. Im Jahr 1567 erhielt Herzog Albert in Baiern vom Kaiser Maximilian II. diese Grafschaft als ein Reichslehen, und 1709 ertheilte sie Kaiser Joseph I. dem Grafen von Sinzendorf, welcher dieselbe im Jahre 1715 an Baiern wieder abtrat. Haag hat eine eigene Pfarre, eine Post und ein Spital, welches von einer gebohrnen Gräfinn von Haag, Kunigunda mit Namen, gestiftet wurde. Das Churfürstliche Schloß liegt auf einer Anhöhe, von welcher man die trefflichste Aussicht genießt, und die ganze baierische Gebirgskette von Salzburg bis in das Algey übersieht.  Die Grafschaft besitzt auch ein besonderes Pfleggericht, Kasten = und Le­henamt.  Es wird hier alle Wochen Markt und Schranne gehalten. Alle Quatember = Mittwoche, wie auch am Mittwoche vor Lichtmeß, und zu Mittfasten ist Jahrmarkt, und an jedem darauffolgenden Donnerstage ist Roß­markt, wo sehr schöne Pferde aus der Nachbarschaft zusammen treffen.  Die Fruchtbarkeit des Bodens in dieser Gegend ist von mittelmäßiger Güte; die Waldungen aber sind sehr beträchtlich. Gleich außer dem Markte Haag führt rechts ein Nebenweg nach Wasserburg; vorwärts aber geht die Straße nach Ramsau, wo links ein schön gebautes und angenehm situirtes Augusti­nerkloster liegt, welches in die Grafschaft Haag gehört, und seine Stiftung den Herrn von Frauenberg verdankt.  Dicht an der Straße steht hier eine Loretto = Kirche, und ein Wirthshaus. Weiterhin trifft der Weg über die Gränze der Grafschaft Haag, welche sich vor Dannbach endet, und an das Churfürst-liche Landgerichte Neumarkt stößt. Dannbach, ein Dorf mit einer Kirche und einem Wirthshause, liegt in Oberbaiern, in dem Rentamte Landshut, Bisthume Salzburg und dem Landgericht Neumarkt. Von hieraus zieht sich die Chausee über einen ziemlich hohen und steilen Berg durch das Dorf Haun und Karting, nach Ampfing." Der be­schriebene und uns allen wohlbekannte Weg führt von München aus bis in un­sere Gegend durch altes Bauernland in einer eiszeitlichen Landschaft. Erst über die Münchner Schotterebene, auf weiten Strecken begleitet vom Ebers-berger Forst, dann hinauf in die Terrassen und weiter auf die Höhen der Alt­moränen. Der Blick vom Haager Schloß auf die Alpen, deren Entstehung auch das Voralpenland geprägt hat, schweift über eine bewegte Landschaft. In großen Wellen branden vom Gebirge her die glazialen Moränenhügel, sichtbares Zeugnis der Tätigkeit des gewaltigen Inngletschers. Weit geht der Blick über Wälder, Moore und Seen bis hinüber zur aufsteigenden Kette des jungen Faltengebirges. Fuhrleute, die sich zu Riedls Zeit über die steilen Anstiege bei Thambach, Rei-chertsheim, Haun oder Harting hinaufmühten, hatten alle Hände voll mit ih­ren Gespannen zu tun. Für die geologischen Gegebenheiten dieser Landschaft hatten sie sicher keinen Blick. Der Wissensstand der damaligen Zeit hätte aber auch zu deren Verständnis nicht ausgereicht. Erst um die Mitte des 19. Jahr­hunderts hat er sich weitgehend vervollständigt und den an Geologie interes­sierten Reisenden unserer Tage bieten sich hier überall Zeugnisse der erdge­schichtlichen Entstehung dieser reizvollen Landschaft, geprägt in den geologi­schen Zeitaltern des Tertiär (etwa ab dem Zeitraum vor 65 Millionen Jahren) und des Quartär (vor 2,5 Millionen Jahren beginnend). Die alles entscheiden­de Kraft war die Entstehung der Alpen, die sich seit dem Ende der Kreidezeit und verstärkt im Tertiär aus dem Meer erhoben, erst als Hügelland, dann als Mittelgebirge, um schließlich zum Hochgebirge zu werden. Am Nord- und Südfuß der Alpen entstanden dabei ständig absinkende Wannen, die sich mit dem vom Wasser vieler Bäche und Flüsse ausgespülten Gebirgsschutt füllten. Die Geologen gaben diesen Wannen den Namen „Molassetröge". Unsere Ge­gend liegt im südbayerischen Molassebecken, das sich zeitweise vom Alpenrand bis über die heutige Donauniederung hinaus erstreckte. Dabei liegt seine größte Tiefe im Süden, am Fuße der Alpen (ca. -5000 m). In unserem Bereich hat die Molasseschicht eine Mächtigkeit von etwa 3000 Metern. Gegen Norden zu wird das Becken immer flacher um dann in der Donauniederung auszulau­fen. Immer wieder drang das Meer von Osten und Westen in diese Senke ein. Meeres-, Delta- und Brackwässerablagerungen bildeten sich. Millionen Jahre von Meeresvorstößen wechselten mit ebenso langen Zeiten in denen das Mo­lassebecken ganz dem Süßwasser überlassen blieb. In den Süßwasserseen setzte sich Schlamm ab und in den Mooren entstand Torf. Die jüngsten Ablagerun­gen der so wechselvollen Tertiärzeit gehören zur oberen Süßwassermolasse. Sie ist das Material für den Aufbau des welligen Hügellandes, das vom linken Isenufer aus in nördliche Richtung ansteigt. Weiter südlich, also auch im Rei-chertsheimer Gebiet, ist sie von Schottern oder Moränen des Eiszeitalters überdeckt. Drüben im Inntal, in der Nähe von Ecksberg, liegt die Süßwasser­molasse etwa 20 m unter dem Niederterrassenschotter. Besucher des Kreismu­seums im Lodronhaus zu Mühldorf kennen den dort ausgestellten Schädelab­guß eines Gomphotherium, des sogenannten Mühldorfer Urelefanten, dessen Gerippe im Herbst 1971, am linken Innufer in der Nähe von Gweng, entdeckt wurde. Die Ablagerungen der bereits mehrmals erwähnten oberen Süßwasser­molasse hatten die Knochenteile über 10 Millionen Jahre konserviert und bis in unsere Tage erhalten, überdeckt vom Schotter des jüngsten erdgeschichtli-cheri Abschnittes, dem Quartär, der bis heute andauert. Mit ihm begann, be­dingt durch ein weltweites Absinken der Temperaturen, das Pleistozän — das Erdzeitalter — in dessen Gefolge sich die Eismassen aus dem Polargebiet und den Gebirgen weit ins Land ausbreiteten. Dabei wechselten Kaltzeiten mit warmen Zwischeneiszeiten. In diesen Warmzeiten schmolzen die Gletscher ab um dann in der folgenden Kaltzeit wieder vorzustoßen. Vier süddeutsche Flüßchen, nämlich Günz, Mindel, Riß und Wurm, gaben den großen Kaltzei­ten ihre Namen. Davon hat die Günzzeit in unserem Gebiet keine Spuren hin­terlassen und auch die Mindel-Eiszeit hat nur eine gewaltige Gerölldecke in weiten Flächen ausgebreitet oder in die Mulden des Flinzsockels eingebettet. Diese ältesten Schotter bilden den Deckenschotter und verhärteten zu Nagel­fluh. Für den Aufbau unserer Heimatlandschaft ist die Riß-Eiszeit von beson­derer Bedeutung. Ihre Ablagerungen bilden die hohen und niederen Altmorä­nen um Reichertsheim, denen gegen Norden die Schotterfelder der Hoch- und Niederterrasse vorgelagert sind. Weiter südlich, ab dem Raum Gars, werden die Altmoränen von den jüngeren Moränen wällen der Wurm-Eiszeit überla­gert. Jede dieser Kaltzeiten und die darauf folgenden Warmzeiten brachten Veränderungen in der Landschaft mit sich. Da schichteten die Gletscher den mitgeführten Schutt zu Moränen. In den Warmzeiten nagten die Schmelzwäs­ser an den Moränenrändern. Der ausgewaschene Schutt wurde zu Schotterflä­chen ins Vorland geschwemmt. Die Flüsse nagten sich in die Tiefe und bilde­ten Terrassen. In den von den abschmelzenden Gletschern freigegebenen Sen­ken entstanden Seen und Moore und die kaltzeitlichen Ablagerungen verlehmten. Vor 10000 Jahren endete die letzte Eiszeit und seither dauert erdge­schichtlich das nacheiszeitliche Holozän an. 15000 Jahre sind seit dem Höhe­punkt der Wurm-Kaltzeit vergangen und manches spricht dafür, daß auch das Holozän nur eine „Zwischeneiszeit" ist. Überall wo Löß und Lehm die eiszeitlichen Schotter überlagert finden sich beste Voraussetzungen für die landwirtschaftliche Nutzung. Drüben, auf den Hochterrassen östlich des Inns, so auch in den Gemeinden Taufkirchen und Oberneukirchen liegen die was­serführenden Schichten in großer Tiefe. Vor nicht allzulanger Zeit bestimmten deshalb die hohen Stahltürme mit den kreischenden Windrädern zum Antrieb der Wasserpumpen jedes Ortsbild. Uns und unseren Vorfahren ist und war der tertiäre und eiszeitliche Boden Lieferant für das Baumaterial unserer Be­hausungen. So fand der zu Nagelfluh verhärtete Deckenschotter Verwendung als großformatiger Quaderstein und in neuerer Zeit als Fassadenverkleidung. Auch nacheiszeitliche Kalktuffe, ja sogar Sandsteine der oberen Süßwasser­molasse und Findlingsblöcke wurden als Baumaterial verwendet. Lößlehme werden abgebaut und daraus Ziegelsteine geformt und gebrannt. Drüben im tertiären Hügelland stehen neben vielen Höfen noch die alten Ziegelöfen zum Brennen der handgeschlagenen Ziegeln. Mühsam wurden Gerolle aus dem Inn und anderen Flüssen gelesen um als Pflaster für Straßen und Plätze verwendet zu werden. Heute im Zeitalter des Betons sind aber gerade die früher ungeeig­neten Schotter der Niederterrasse zur Grundlage der Betonwerke geworden. Bald nach dem Ende der letzten Kaltzeit begann die Einwanderung der Bäume und Sträucher, Gräser und Krauter, in das eisfrei gewordene Alpenvorland. In der mittleren Wärmezeit (Atlantikum) um 4000 v. Chr. waren Birken, Kiefern, Haseln, Eichen, Ulmen, Linden und Eschen bereits heimisch geworden. Bald glich die Pflanzen- und Tierwelt dem gegenwärtigen Bestand. Wie in den zwi­scheneiszeitlichen Warmzeiten bildeten Föhre, Wacholder, Fichte und Tanne die Nadelwälder, Eiche, Linde, Ulme und Ahorn die Laubwälder. Eine arten­reiche Tierwelt war überall anzutreffen. Die Lebensgrundlage für den Men­schen war geschaffen, er konnte seinen Einzug halten.    


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